Markus Angst, Vorstandsmitglied von PROphysio
Markus, der neue KVG-Tarif ist bereits beim Bundesrat eingereicht. Warum entwickelt PROphysio jetzt noch ein eigenes Modell?
Weil wir überzeugt sind, dass der eingereichte Tarif in die falsche Richtung geht. Er belohnt primär lange Behandlungen, nicht wirksame. Das zeigt auch das unabhängige Gutachten, das wir bei Polynomics in Auftrag gegeben haben. Aber Kritik allein reicht nicht. Wer etwas verändern will, muss eine bessere Alternative auf den Tisch legen – das war unser Antrieb und das haben wir gemacht.
Das Modell enthält weder Taxpunkte noch konkrete Preise. Ist das nicht zu unverbindlich, um von Versicherern und dem BAG ernst genommen zu werden?
Das ist bewusst so. Wenn wir jetzt Zahlen nennen würden, wären sie methodisch angreifbar und würden von der eigentlichen Diskussion ablenken. Zuerst muss die Tarif-Logik stehen. Dann kommt vor dem Hintergrund der Kostenneutralität die Frage, welche Leistung im Verhältnis zu welcher anderen wie viel wert ist. Erst danach lassen sich seriöse Preise berechnen. Der nächste Schritt ist eine konkrete Tarifmatrix mit 15 bis 20 Positionen – dort werden wir Zahlen zeigen.
Der heutige Zeittarif hat das Problem, dass lange Behandlungen belohnt werden. Läuft eine Fallpauschale nicht in die andere Richtung – dass möglichst wenig behandelt wird, weil das mehr Marge lässt?
Das ist genau das Risiko, das wir im Modell aktiv adressieren. Deshalb ist die Outcome-Messung nicht freiwillig: Vor der Behandlung werden ein Ausgangswert und ein Ziel festgehalten, während der Behandlung ein Verlaufsparameter, am Ende die Zielerreichung. Wird das Ziel nicht erreicht, folgt eine strukturierte Überprüfung von Ziel, Strategie und Indikation – nicht einfach ein Abschluss. Eine direkte finanzielle Belohnung für «Erfolg» wollten wir bewusst nicht, weil das Praxen dazu verleiten könnte, Patientinnen und Patienten entsprechend zu selektieren.
Qualitätsnachweise, Verlaufsmessung, digitale Dokumentation: Ist das nicht gerade für kleine Einzelpraxen eine hohe Hürde?
Ich will das nicht kleinreden – am Anfang bedeutet das für manche Praxen tatsächlich eine Umstellung. Gleichzeitig fällt an anderer Stelle Aufwand weg: Die normale Dokumentation und Terminplanung sind in der Behandlungspauschale enthalten, der Anreiz, mit administrativen Fünf-Minuten-Einheiten Umsatz zu erzeugen, verschwindet. Und ehrlich gesagt: Floskeln wie «Weichteiltechniken» oder «wie gehabt» ohne nachvollziehbares Ziel sind schon heute angreifbar, wenn ein Kostenträger genauer hinschaut. Wir verlangen im Grunde, was eine gute Praxis ohnehin tun sollte – und meist schon tut.
Kostenneutralität ist für Versicherer und das BAG entscheidend. Wie soll sichergestellt sein, dass das Modell nicht teurer wird?
Wir rechnen mit einem Basisjahr: Alle damaligen Behandlungsfälle werden retrospektiv mit unserer neuen Struktur bewertet, und ein Normierungsfaktor sorgt dafür, dass die Gesamtkosten gleich bleiben. Wichtig ist dabei: Kostenneutralität heisst nicht, dass jede einzelne Leistung gleich viel kosten muss wie heute. Wenn unnötige Behandlungen wegfallen, kann die Vergütung pro tatsächlich notwendiger Behandlung sogar steigen, ohne dass die Gesamtsumme wächst.
Ganz ehrlich: Wie realistisch ist es, dass ein junger Verband wie PROphysio ein Modell durchbringt, während der grosse Tarif von Physioswiss, H+ und prio.swiss schon beim Bundesrat liegt?
Wir geben uns keinen Illusionen hin, dass das ein einfacher Weg ist. Aber das Zeitfenster ist offen: Das Genehmigungsverfahren beim BAG hat noch nicht einmal begonnen, ein Inkrafttreten per 1. Januar 2027 ist alles andere als garantiert. Genau jetzt suchen wir das Gespräch mit Parlament, Kantonen, Versicherern und Medien – und das Polynomics-Gutachten gibt uns dafür eine sachliche Grundlage, die über reine Verbandspolitik hinausgeht.
Angenommen, das Modell wird nicht als Ganzes übernommen – was bleibt dann übrig?
Selbst wenn nicht alles eins zu eins übernommen wird, haben wir gezeigt, dass es eine seriöse Alternative zur reinen Zeitlogik gibt. Und wir planen ohnehin keinen Big Bang: In einer ersten Phase liesse sich das Modell hybrid einführen, mit Leistungspauschalen und Qualitätsanforderungen. Danach folgen Pilotprojekte bei geeigneten Indikationen wie Rückenschmerzen oder der Reha nach Knie- und Hüftoperationen, bevor erfolgreiche Episodenmodelle schrittweise ausgeweitet werden.
Was möchtest du Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten mitgeben, die dem Ganzen noch skeptisch gegenüberstehen?
Dass dieses Modell nicht gegen sie gemacht ist, sondern für ihren fachlichen Handlungsspielraum. Wer heute im Fünf-Minuten-Takt denken muss, verliert etwas von dem, was den Beruf eigentlich ausmacht. Und noch einmal: Das ist ein Entwurf, keine fertige Lösung. Wir sind auf Rückmeldungen aus der Praxis angewiesen, um daraus etwas Tragfähiges zu machen.