Kritik am eingereichten Tarifvorschlag
Im April 2026 haben die Tarifpartner eine neue Tarifstruktur für die Physiotherapie im KVG-Bereich eingereicht. Ein unabhängiges Gutachten bestätigt: Der neue Physiotherapie-Tarif hat Mängel, die vor der Einführung geklärt werden müssen.

Am 2. April 2026 haben die Tarifpartner beim Bundesrat eine neue Tarifstruktur für die ambulante Physiotherapie im KVG-Bereich eingereicht. Sie soll ab dem 1. Januar 2027 die seit 2018 geltenden Pauschalen durch einen reinen Zeittarif ersetzen. Vergütet wird dann die effektive Behandlungszeit in 5-Minuten-Einheiten.
Eine Einreichung ist jedoch kein Beschluss, wie wir auf der Seite «Stopp Tarifvorschlag» aufzeigen. Erst mit der Genehmigung durch den Bundesrat tritt die Struktur in Kraft. Bis dahin ist sie ein Vorschlag, und aus Sicht von PROphysio muss dieser Vorschlag in zentralen Punkten überarbeitet werden.
Das Gutachten von Polynomics
Die Datengrundlage und die ökonomischen Folgen des Systemwechsels wurden bisher nie unabhängig geprüft. PROphysio hat deshalb das Forschungsinstitut Polynomics beauftragt, diese Prüfung nachzuholen. Das Gutachten von Dr. Harry Telser (Polynomics AG, 10. September 2026) liegt nun vor. Es bestätigt die Kritikpunkte von PROphysio mit methodisch fundierten Befunden.
Zum Gutachten auf polynomics.ch
1. Der Zeittarif belohnt lange statt gute Behandlungen
Laut Polynomics ist das keine Vermutung. Der Fehlanreiz folgt direkt aus der Konstruktion des Tarifs. Honoriert wird nicht die wirksamste Therapie, sondern die längste.
2. Weniger Patienten, längere Wartezeiten
Die Arbeitszeit pro Tag ist begrenzt. Steigt die durchschnittliche Behandlungsdauer, sinkt zwangsläufig die Zahl der möglichen Sitzungen. Bei gleicher Nachfrage bedeutet das:
- weniger behandelte Patientinnen und Patienten,
- längere Wartezeiten oder
- zusätzlichen Personalbedarf, und das mitten im Fachkräftemangel.
Das Gutachten hält ausdrücklich fest: Die vorgesehene Kostenneutralität verhindert diese Effekte nicht. Sie begrenzt die Gesamtkosten, sichert aber weder die Versorgungskapazität noch stabile Wartezeiten.
3. Die Datenbasis hat erhebliche Lücken
Der Tarif stützt sich auf die LeDa-Studie. Deren Zeitwerte bestimmen die Produktivität, die Limitationen und die Umrechnung der bisherigen Pauschalen in Zeiteinheiten. Eine gesetzliche Grundanforderung an jeden Tarif ist, dass er auf Daten beruht, die den Praxisalltag korrekt abbilden. Polynomics findet mehrere Schwachstellen:
- Grosse Praxen untererrepräsentiert: Nur 126 von 5'368 Praxen gelten in der Studie als «gross» (vier oder mehr Physios). Ein Abgleich mit dem swissODP-Verzeichnis und dem GLN-Register zeigt deutlich mehr grosse Standorte.
- Unklare Gewichtung: Es ist nicht dokumentiert, ob die Durchschnittszeiten Praxen oder einzelne Therapeutinnen und Therapeuten repräsentieren. Das ist entscheidend, denn Angestellte, die häufiger in grossen Praxen arbeiten, weisen kürzere Behandlungszeiten aus als Selbstständige.
- Nicht reproduzierbare Statistik: Polynomics hat Signifikanztests nachgerechnet. Ein Unterschied, den die Studie als nicht signifikant ausweist, ist in der Nachrechnung signifikant.
- Intransparente Datenaufbereitung: Der Umgang mit Ausreissern, fehlenden Werten und Plausibilitätsprüfungen ist kaum nachvollziehbar.
Die Folge: tiefere Taxpunkte für alle
Bestätigen sich diese Hinweise, sind die verwendeten Durchschnittszeiten systematisch zu hoch. Weil die gesamte Taxpunktmenge anschliessend auf das bisherige Niveau normiert wird, führt das zu tieferen Taxpunkten pro Zeiteinheit, als nötig wären. Jede Praxis in der Schweiz würde also für dieselbe Arbeit weniger erhalten, und zwar wegen eines Fehlers in der Datengrundlage.
Was das Gutachten sagt und was nicht
Polynomics liefert keinen abschliessenden Beweis für fehlerhafte Daten. Das Gutachten stellt einen «begründeten Bedarf zur Klärung einiger zentraler Annahmen der Tarifberechnung» fest. Viele offene Fragen liessen sich mit wenigen zusätzlichen Auswertungen der vorhandenen LeDa-Daten beantworten.
Genau das ist der Punkt: Diese Klärung hat nie stattgefunden. Trotzdem soll der Tarif am 1. Januar 2027 in Kraft treten.
Unsere Forderung
Ein Tarif, der über die Existenz Tausender Praxen und die Versorgung in der ganzen Schweiz entscheidet, darf nicht auf ungeklärten Grundlagen eingeführt werden.
PROphysio fordert vom BAG und vom Bundesrat den Stopp des Tarifvorschlags und legt mit einem eigenen Tarifmodell einen Gegenvorschlag vor, der Leistung und Qualität abbildet statt nur Zeit.
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