Bern, 8. Juli 2026 Vertreterinnen und Vertreter der ambulanten Physiotherapie gründen mit PROphysio einen neuen Branchenverband. Die Initiantinnen und Initianten wollen ihre Interessen in tarifarischen und gesundheitspolitischen Entscheidungsprozessen einbringen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine moderne, evidenzbasierte und wirkungsorientierte Physiotherapie aktiv mitgestalten.
Auslöser für die Gründung von PROphysio ist unter anderem das Verhandlungsergebnis zur neuen Tarifstruktur. PROphysio geht aus dem Verein faire physio-tarife.ch hervor, der mit der Kampagne Physio 140 in den vergangenen Wochen die Diskussion über die zukünftige Finanzierung der Physiotherapie mitgeprägt hat. Mit der Verbandsgründung soll dieses Engagement nun auf eine dauerhafte gesundheitspolitische Interessenvertretung ausgeweitet werden.
Der neue Verband der PhysiotherapeutInnen begrüsst zwar die Bestrebungen, die Finanzierung der Physiotherapie zu verbessern. Die Initianten und Initiantinnen sind jedoch überzeugt, dass höhere Taxpunktewerte allein nicht ausreichen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Entscheidend für PROphysio ist eine Tarifstruktur, welche Qualität, Evidenz und Versorgung angemessen abbildet und Fehlanreize vermeidet. «Die Physiotherapie braucht Rahmenbedingungen, die wirksame Behandlung fördern und nicht Mengenausweitung. Tarifstruktur und Taxpunktwerte müssen gemeinsam betrachtet werden», sagt Nina Zosso, designierte Geschäftsführerin und Präsidentin ad interim von PROphysio.
Die Gründung ist die Antwort auf eine tiefgreifende Veränderung der Physiotherapie in den vergangenen Jahren. Mit dem Strukturwandel lassen sich eine zunehmende Akademisierung, höhere Anforderung an Evidenz und Qualität und steigende Erwartungen an die ambulante Versorgung beobachten. Aus Sicht der Initiantinnen und Initianten bilden die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen diese Entwicklung ungenügend ab. «Wir sehen aus Sicht der Vertreterinnen und Vertreter der zeitgemässen Physiotherapie heute eine grosse Repräsentationslücke. Diese möchten wir füllen, weil wir sonst Gefahr eines Versorgungsrisikos laufen. Im Interesse der Patientinnen und Patienten müssen wir dies vermeiden», erklärt Nina Zosso, designierte Geschäftsführerin und Präsidentin ad interim von PROphysio.
Branchenbefragung zeigt deutlichen Handlungsbedarf
Eine schweizweite Branchenbefragung unter Physiotherapeutinnen und -therapeuten des Meinungsforschungsinstituts Sotomo im Auftrag von swissODP gibt ein Stimmungsbild wieder, das ein deutliches Bedürfnis nach einer stärkeren gesundheitspolitischen Vertretung erkennen lässt.
Die Branchenumfrage ist zwar nicht repräsentativ, liefert aber mit mehr als 2’800 Befragten ein umfassendes Stimmungsbild.
Bemerkenswert ist, dass insbesondere jene Generation, die die Akademisierung des Berufs selbst erlebt und geprägt hat, den grössten Bedarf nach einer neuen Branchenvertretung sieht. So sehen 57 Prozent der Physiotherapeutinnen und -therapeuten mit bis zu neun Jahren Berufserfahrung Bedarf nach einer Vertretung, jene mit bis zu 19 Jahren Erfahrung zu 55 Prozent. Unter allen Befragten sehen 52 Prozent einen Bedarf, während gerade mal ein gutes Viertel (27%) keinen Bedarf sieht.
Kritisch wird die neue Tarifstruktur beurteilt. 71 Prozent bewerten diese als sehr oder eher negativ. Auffällig ist, dass diese nicht nur von Praxisinhaberinnen und -inhabern abgelehnt wird, sondern auch von einer deutlichen Mehrheit der Angestellten.
Fast ein Viertel (23%) erwartet Einnahmeausfälle von 20 Prozent oder mehr für sich selbst oder für die Praxis, bei der sie arbeiten. Jede/r fünfte Therapeut/in erwartet Ausfälle zwischen 10 und 20 Prozent und rund 12 Prozent erwarten Ausfälle zwischen 5 und bis unter 10 Prozent. 28 Prozent der Befragten bleiben in dieser Frage noch indifferent. Insgesamt rechnen also 55 Prozent mit einer Reduktion der Einnahmen – gegenüber nur 5 Prozent, die mit höheren Einnahmen rechnen und 11 Prozent die keine wesentlichen Veränderungen erwarten. Jeder und jede Dritte erwartet mit der neuen Tarifstruktur einen Anstieg der Behandlungsdauer. Das bestärkt die Befürchtung des Vereins faire-physio-tarife.ch, dass die neue Tarifstruktur Konsequenzen auf die Versorgung hätte. Denn ein Anstieg der Behandlungsdauer würde grossmehrheitlich über weniger Patienten und Patienten pro Arbeitstag aufgefangen werden. Dies geht auch mit der Einschätzung von 39% Prozent der Befragten einher, die eine Reduktion oder gar einen Aufnahmestopp von allgemeinversicherten Patienten und Patientinnen bei sich, respektive bei ihrer Praxis für wahrscheinlich halten.
Augenfällig ist, dass die Therapeutinnen und Therapeuten ihren Beruf lieben. 89 Prozent der Befragten geben an, viel oder eher viel Freude am Physiotherapieberuf zu haben. Als grösste Einschränkungen für die Berufszufriedenheit geben die Befragten die ungenügenden finanziellen Rahmenbedingungen (88%), mangelnde politische Wertschätzung (69%) und den hohen administrativen Aufwand (49%) an.
«Die Physiotherapie hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren grundlegend verändert. Die Umfrage zeigt, dass sich viele Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten eine Interessenvertretung wünschen, die diese Entwicklung aufnimmt und gesundheitspolitisch vertritt», sagt Nina Zosso. Der neue Verband will den Dialog mit Politik, Behörden, Versicherern und weiteren Akteuren des Gesundheitswesens schnell suchen und sich in die gesundheitspolitischen Prozesse einbringen.
Bis sich PROphysio fertig konstituiert hat, wird der Verband von Nina Zosso ad interim präsidiert. Weitere Vorstandsmitglieder sind Alain Amacker (Physiotherapeut und Verwaltungsratsmitglied swissODP), Alexandra Helbling (CEO Physiozentrum), Cristina Staub (Physiotherapeutin, ausgeschlafen.ch) Markus Angst (Personal Trainer und Geschäftsleitung Aktiv Physio), Christoph Landolt (Gründer und Verwaltungsrat Physiozentrum) und Philipp Peter (Physiotherapeut und Inhaber Aveo).
Weitere Informationen: info@prophsioverband.ch